Freitag, 24. November 2017

Kriminalsonett III

Enkeltrick
Kriminalsonett

Er war der König aller Delinquenten:
Zu viele Omas wohnten ganz allein,
er klingelte, sie ließen ihn herein
und überschrieben ihm Besitz und Renten.

Ihm fielen immer neue Kniffe ein:
Er half mit Medika- und Komplimenten;
und überzeugte sogar Sportstudenten,
ihr lang vergessnes Enkelkind zu sein.

Der König konnte alle überlisten
und lebte gut vom ganzen Geld. Doch dann
befleißigten sich endlich Polizisten

und inhaftierten – einen andren Mann.
Es tut mir, liebe Leser, wirklich leid,
der Fall ist von Gerechtigkeit befreit.

Dienstag, 14. November 2017

Notizen zur Poetik (3)

Noch mehr Notizen zu (meist absichtlich komischen) Gedichten, Fragmente, aufgegebene Aufsätze, Listen, Gedichte übers Dichten usw.

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Klaus Cäsar Zehrer ist dank Das Genie, einem Blauwal von Roman, nun medial endlich so omnipräsent, wie er es schon lange zuvor mit seinem lyrischen und theoretischen Werk hätte sein sollen: Er gab mit Robert Gernhardt die »Hell und schnell«-Anthologie und die gleichlautende Reihe bei S. Fischer heraus, er verfasste eine Dissertation über die Dialektik der Satire, er klärte über die Affinität der Neuen Frankfurter Schule zum Meer auf, und er schrieb auch selbst komische Gedichte, von denen bisher nur die für Kinder veröffentlicht wurden.
Andererseits: Was heißt hier »nur«, denn da wäre nämlich etwa das von F. W. Bernstein illustrierte veritable Versepos Knut Großmut der Raubtierbändiger, das (und der) es leicht mit diversen komisch gemeinten Gedichtbänden anderer Autoren für Erwachsene aufnehmen kann. In mehrheitlich kreuzgereimten Strophen breitet Zehrer eine »Zirkusgeschichte für Kinder mit starken Nerven« aus, in der der wahnsinnige Knut Großmut erst einen investigativen Reporter (der interessanterweise wie Peter Rühmkorf aussieht) und alsbald sämtliche Menschen und Tiere des »Zirkus Schienbein« seinen Großkatzen zum Abendbrot serviert. Das wirft gewisse Probleme auf:
»Es kann so ein Betrieb nun mal
nicht richtig funktionieren,
steckt das gesamte Personal
im Bauch von wilden Tieren.«

Ein verlustreiches Happy End gibt es natürlich trotzdem, und wenn der Diogenes Verlag jetzt auch noch Zehrers gesammelte Reime unter die Leute bringen könnte, wäre die Welt um eine weitere glückliche Fügung reicher.

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Die englische Sprache ist zwar wesentlich reimfreundlicher als die deutsche, hält aber keinesfalls plenty Reime auf twenty bereit, was sich am eindrücklichsten wohl am Ende des 1. Aktes von Gilbert & Sullivans komischer Feenoper »Iolanthe« zeigt: Der junge Hirte Strephon wird von seiner Verlobten Phyllis und Mitgliedern des House of Peers, die sich wiederum nach Phyllis verzehren, dabei beobachtet, wie er von seiner Mutter getröstet wird. Weil diese jedoch eine Fee ist und Feen bekanntlich nicht altern, wird die Szenerie von den Zuschauern gründlich falsch eingeschätzt. Strephon versucht noch abzuwiegeln (»This lady's my mother!«), doch zu spät, die Politiker glauben ihm nicht und singen also:
»This gentleman is seen,
With a maid of seventeen,
A-taking of his dolce far niente;
And wonders he'd achieve,
For he asks us to believe
She's his mother — and he's nearly five-and-twenty!

Recollect yourself, I pray,
And be careful what you say —
As the ancient Romans said, festina lente.
For I really do not see
How so young a girl could be
The mother of a man of five-and-twenty.«
Die Fremdwortreime muten schon hier eigenartig an, im finalen Song des Aktes lässt Gilbert die Sänger (Peers) und Sängerinnen (Fairies) dann noch deutlicher auf den komischen Gehalt nicht-englischer Reimworte hinweisen:
Peers:
»Your powers we dauntlessly pooh-pooh:
A dire revenge will fall on you.
If you besiege
Our high prestige —«

Fairies:
»(The word »prestige« is French,
The word »prestige« is French).«

Peers:
»Your powers we dauntlessly pooh-pooh:
A dire revenge will fall on you.
Young Strephon is the kind of lout
We do not care a fig about!
We cannot say
What evils may
Result in consequence!
Our lordly style
You shall not quench
With base canaille

Fairies:
»(That word is French.)«

Peers:
»Distinction ebbs
Before a herd
Of vulgar plebs

Fairies:
»(A Latin word.)«

Peers:
»'Twould fill with joy,
And madness stark
The oι πoλλoί

Fairies:
»(A Greek remark.)«

Peers:
»One Latin word, one Greek remark,
And one that's French.«
Apropos William Schwenck Gilbert und Fremdwortreime: In »The Mountebanks«, einer seiner Opern, die er ohne den kongenialen Arthur Sullivan schrieb, finden sich diese zeitlos schönen Verse:
»Those 'days of old'
     How mad were we
          To banish!
 Thy love was told,
     Querido mi,
           In Spanish
 And timid I,
     A-flush with shame
          Elysian,
 Could only sigh,
     Dieu, comme je t'aime?
          (Parisian.)
 No matter, e'en
     Hadst thou been coined
          A Merman,
 Thou wouldst have been
     Mein lieber freund
          (That's German.)
 Thy face, a-blaze
     With loving pats,
          Felt tinglish,
 For in those days
     I loved thee— that's
          Plain English!«
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Unvollständige Liste mit unreinen Reimen von Walter Mehring:

geschultert / gepoltert
Erpresserwelt / Messerheld
München / wünschen
Schottenband / Kokottenstand
Schürzen / vierzehn
Musterung / Pappkarton
falls dir / Malzbier
Pst / Christ
Spießer / Tausendfüßler

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Julia Engelmann = Friederike Kempner + Zeit

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Der Lyrik-Boom
Variationen

I

Ich hab euch ein Gedicht
verfasst.
Das hat euch leider nicht
gepasst.


II

Umsonst ist mein Gedicht
gewesen:
Ihr habt es leider nicht
gelesen.


III

Ich werd euch kein Gedicht
mehr schmieren.
Ihr würdet's ja doch nicht
kapieren. :-(

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Throwback: Parallel zur Titanic-Humorkritik im Juli verfasste ich eine zweite Rezension zu Dorothy Parker: Denn mein Herz ist frisch gebrochen, vergaß aber, sie hier zu posten. Hiermit sei sie nachgereicht.

Jüngst und rechtzeitig zu ihrem 50. Todestag erschien im Dörlemann-Verlag der zweisprachige Band Denn mein Herz ist frisch gebrochen mit Dorothy Parkers Gedichten. Zunächst wäre positiv anzumerken, dass Parkers lyrisches Werk dadurch hierzulande leicht (wiewohl teuer) zugänglich geworden ist, nachdem in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich ihre Erzählungen übersetzt wurden. Die günstigere und vollständigere Alternative sind die bei Penguin Classics erschienenen Complete Poems, die naturgemäß ohne deutsche Verständnishilfe auskommen, – und viel mehr als »Verständnishilfen« sind Ulrich Blumenbachs Nachdichtungen leider nur in Ausnahmefällen (etwa in der dt. Version von »Verse for a certain dog«): Seine Versionen halten sich zwar zumeist an die strenge Form des Originals und bieten Rat bei mancher Unverständlichkeit in englischer Zunge, doch stellen den Leser bisweilen vor ganz neue Probleme: Wer ist ein Reff (as in »Da kam ein Reff gelaufen«)? Und was muss man sich vorstellen unter »Blumen, die glosen«?
Parkers Vers »And why with you, my love, my lord« (Hervorhebung von mir) wird zu »Und warum nur, mein Schatz, mein Scheich«, damit er sich auf »Gähn ich bei dir vor Stumpfsinn gleich« reimt. Aus »Will he see me fair?« macht Blumenbach »Bin ich noch sein Star?«, »Once the skies were a cloudless blue« heißt in der dt. Fassung »Früher warn Himmel blau, stabil« und »Love is a game that two can play at« bekommt bei Blumenbach eine homoerotische Azubi-Grundierung: »Und das Liebesspiel spielen zwei Gesellen.« Besonders unglücklich: »I'm one of the glamorous ladies / At whose beckoning history shook« wird zu »Ich zähl zu den glanzvollen Damen, / Die umweht der Geschichte Geruch.« Oll und modernd, oder wie?

Fast auf jeder zweiten Seite (denn links steht jeweils Parker, rechts Blumenbach) stolpere ich über irgendeine nicht ganz ideale Passage, was ich jedoch nicht allein auf den Übersetzer schieben möchte, denn Parkers bzw. komische englischsprachige Gedichte im Allgemeinen sind durch die oft ungleich kürzeren Sätze und vielfältigere Reimauswahl kaum adäquat ins Deutsche zu »schmuggeln« (Enzensberger). Und manchmal gelingen ihm auch durchaus glückliche Neuschöpfungen, »damned tomorrow« überträgt er zum Beispiel mit »Scheißmorgen«, »melancholy night« mit »mollgestimmte Nacht«.
Dass er aber u. a. »seh« auf »nie« reimt, »bin« auf »Italien« und »Vergehen« auf »Spanien«, verzeihe ich ihm nicht, zumal er sich damit auch weit von Parker entfernt, die sich in ihren Gedichten auf reine Reime beschränkt.

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Reim für schwer erziehbare Kinder

Montag, 30. Oktober 2017

Geologisches Gedicht

Geologisches Gedicht

Ich bin heut durch die Zeit gereist,
doch ach!, ich bin zu weit gereist:
Ich stecke im Karbon.

Ich wollte Hitlers Killer sein,
nun muss ich etwas stiller sein:
Die Dinos lauschen schon.

Ich scheiterte wie Stauffenberg,
nun lauf ich leider auffen Berg
und vor den Viechern fort.

Jetzt jagen mich die wütenden
behütenden (da brütenden)
Gestalten durch den Ort...

Doch eh man mich mit Bissen schafft,
befrag ich noch die Wissenschaft:
Ich dachte eigentlich,

die kamen in der Trias auf? –
Sie fressen leider my ass auf.
Das war's mit dem Gedich

Sonntag, 22. Oktober 2017

Harry Graham (52 und Schluss)

Ein Jahr lang gab es hier jeden Sonntag ein Gedicht des großen vergessenen Dichters Harry Graham zu lesen, vielleicht hat er dadurch ja ein paar neue Freunde gefunden. Den Abschluss der Reihe bildet »Envoi« aus »Misrepresentative Men«:
Harry Graham: Envoi

Behold how tenderly I treat
   Each victim of my pen and brain,
And should I tread upon your feet,
   How lightly I leap off again;
Observe with what an airy grace
I fling my inkpot in your face!

To those whose intellect is small,
   This work should prove a priceless treasure;
To persons who have none at all,
   A never-ending fount of pleasure;
A mental stimulus or tonic
To all whose idiocy is chronic.

And you, my Readers (never mind
   Which category you come under),
Will, after due reflection, find
   My verse a constant source of wonder.
'Twill make you think, I dare to swear–
But what you think I do not care!

Montag, 16. Oktober 2017

Sonntag, 15. Oktober 2017

Harry Graham (51)

Weil es so schön ist und zwar bereits hier gepostet wurde, nicht jedoch in der Harry-Graham-Reihe, sei nun erneut »Love's Handicap« aus »The World We Laugh In« zitiert:
Harry Graham: Love's Handicap
From the earliest days,
Ev'ry writer of lays
   Has delighted to sing about Passion;
But of rhymes there's a dearth
For the Briton by birth
   Who would follow this popular fashion.
For though Love is a theme
That we poets esteem
   As unrivalled, immortal, sublime too,
'Tis a word that the bard
Finds it daily more hard
   To discover a suitable rhyme to!
For one can't always mention the »stars up above,«
Ev'ry time that one talks about Love!

When the French troubadour
Wants to sing of l'amour
   No such lyrical fetters restrain him;
And when making la cour
To his mistress, chaqu' jour,
   There's no famine of rhyme to detain him.
He'll describe, sans détours,
How as soft as velours
   Is her hand, and her voice like a fiddle;
How they ate petits fours
Till she cried: »Au secours
   When his arm went autour of her middle!
And there's no need for him to refer to her »glove,«
Just because he's discoursing on Love!

The Venetian signor
Who discusses l'amor'
   To his lady-love's balcony climbing,
As he presses her fior'
To his bosom (al' cuor')
   Has no trouble at all about rhyming!
When with frenzied furor'
And such fervent calor'
   He suggests her becoming his sposa,
What for him does the trick
Is that rhymes are as thick
   As the leaves upon fair Vallombrosa;
And he never need liken his dear to a »dove,«
Ev'ry time that he sings about Love!

'Tis the absence of rhymes
That inclines me, at times,
   To renounce any mention of Cupid,
And, instead, to write odes
To (say) skylarks or toads,
   Though it may seem faint-hearted or stupid.
For it's easy to sing
Of the sunshine or Spring,
   And of Pan (or some mythical person),
But to find a fresh rhyme
For the Passion sublime
   That we bards are supposed to write verse on –
Well, I'm tempted to give the whole question »the shove«
And to sing no more songs about Love!

Freitag, 13. Oktober 2017

Sinngedicht

Sinngedicht

Ich gab ihr einen Rad-Rat,
worauf sie um ein Bad bat.
Doch weil ich nur ein Boot bot,
schlug mich ihr Freund, der Tod, tot.